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Hohe Staats­schulden: Was Anlege­rinnen und Anleger jetzt wissen sollten

Die Staats­schulden vieler Länder sind so hoch wie selten zuvor. Eine akute Schul­den­krise in den USA erwarten wir in den nächsten zwei Jahren nicht. Wer sein Vermögen langfristig schützen will, sollte sich aber bereits heute vorbereiten.


Vom Privat­sektor zum Staat

Über die letzten 18 Jahre waren zwei Kräfte für den «Schulden-Super­zyklus» verant­wortlich: die wirtschaft­lichen Defla­ti­ons­ri­siken, also das Risiko sinkender Preise, und das Bestreben der Politik, die Konsu­men­tinnen und Konsu­menten zu weiterer Verschuldung zu bewegen, um damit die Endnach­frage anzukurbeln.


Die US-Immobi­li­en­blase war ein klassi­sches Beispiel für diesen Schulden-Super­zyklus und zugleich ein Wende­punkt auf der Konsu­men­ten­seite. Mit ihrem Platzen stiessen die Behörden an ihre Grenzen: Die Konsu­men­tinnen und Konsu­menten liessen sich nicht zu noch mehr Schulden bewegen. Deshalb musste sich der Staat selbst stärker verschulden. Seit 2009 ist die ausste­hende US-Staats­ver­schuldung von 60 % auf 120 % des BIP gestiegen.


Daraus ergibt sich eine wichtige Schluss­fol­gerung: Ist die Verschuldung beim Staat konzen­triert, lässt sich eine Schul­den­krise leichter kontrol­lieren, als wenn die Schul­den­ex­zesse im Privat­sektor liegen. Die US-Notenbank Fed und die Europäische Zentralbank (EZB) haben bereits Instru­mente parat, um auf eine mögliche Schul­den­krise reagieren zu können, in Europa etwa das Trans­mission Protection Instrument (TPI).


Drei Wege aus den Schulden

Ein Staat kann seine Schulden auf drei Arten abbauen:

  1. Zurück­zahlen: Dies setzt ein entspre­chendes Wirtschafts­wachstum voraus.
  2. Wegin­fla­tio­nieren: Steigen die Preise, verliert die Schuld real an Wert.
  3. Zahlungs­ausfall: Der Staat bedient seine Schulden nicht mehr.

Für die USA spricht, dass die Wirtschaft nominal stärker wächst, als der Staat im Durch­schnitt an Zinsen bezahlt. Theore­tisch könnten die USA so aus den Schulden heraus­wachsen. Dass dies nicht geschieht, liegt an der zu hohen Neuverschuldung.

Bedenklich ist zudem, dass die USA kaum Reserven für schlechte Zeiten haben. Bei Vollbe­schäf­tigung müsste der Haushalt eigentlich ausge­glichen sein oder einen Überschuss ausweisen. Statt­dessen schreiben die USA auch in guten Zeiten hohe Defizite. In einer Rezession, einer Banken- oder Finanz­krise müsste der Staat Mittel sprechen, die er nicht hat. Die Fed müsste einspringen, und das Ventil wäre ein schwä­cherer US-Dollar.

Wie viel Schulden verträgt ein Land?

Eine allge­mein­gültige Obergrenze gibt es nicht. Zu diesem Schluss kommen die Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff in ihrem Buch «This Time is Different». Entscheidend ist, ob die Inves­toren das Vertrauen verlieren, dass eine Regierung ihre Schulden im Griff hat. Krisen nehmen zudem oft in Finanz­zentren ihren Anfang und entstehen aus einer Mischung von Inflation, Banken- und Währungs­krisen, gefolgt von Zinsschocks und fallenden Rohstoffpreisen.

Wie unter­schiedlich die Tragfä­higkeit sein kann, zeigen zwei Beispiele:

  • Japan ist mit rund 220 % des BIP verschuldet und dennoch stabil. Die Bevöl­kerung spart viel, vertraut der Regierung und kauft weiterhin tief verzinste Staats­an­leihen. Was der Inland­markt nicht aufnimmt, übernimmt die Notenbank. Solange Japan nicht auf auslän­dische Geldgeber angewiesen ist, die unwei­gerlich höhere Zinsen verlangen würden, bleibt die Last tragbar.
  • Die USA verschulden sich in eigener Währung, und die Fed hat das Geldmo­nopol. Faktisch können die USA deshalb nicht bankrott­gehen, im Notfall wird mehr Geld gedruckt. Der Preis dafür wäre ein schwä­cherer Dollar und eine höhere Inflation. Das Währungs­risiko tragen die Käufer der Anleihen, zu einem grossen Teil auslän­dische Investoren.

Was uns die Geschichte lehrt

Die Entwicklung der Staats­schulden der G‑20 seit 1900 zeigt zwei besonders aufschluss­reiche Phasen. Von 1900 bis 1945 stieg die Verschuldung infolge der Kriegs­fi­nan­zierung und der Weltwirt­schafts­krise von unter 40 % auf rund 115 % des BIP. Von 1945 bis 1975 sank sie massiv auf rund 30 %.

Der Abbau nach 1945 gelang nicht nur dank des kräftigen Wachstums. Die Staaten legten Zinsober­grenzen fest, beschränkten den Kapital­verkehr und verpflich­teten Banken, Staats­an­leihen zu halten. Ähnliche Vorgaben gibt es heute auch für Versicherungen.

Dieses Vorgehen nennt man Finanz­re­pression: Der Staat legt einen Maximalzins fest und verteilt so Vermögen von den Sparern zu den Schuldnern um. Die Tiefzins­phase von 2009 bis 2016 und die Negativ­zinsen der Schwei­ze­ri­schen Natio­nalbank sind jüngere Beispiele. Wer nicht aus den Schulden heraus­wachsen kann, greift erfah­rungs­gemäss zu diesem Mittel. Verlierer sind dabei stets die Sparer und nominale Werte wie Obliga­tionen, Gewinner die Schuldner und Sachwerte wie Gold, Immobilien und Aktien.

Hoffnungs­träger Künst­liche Intelligenz

Wirtschafts­wachstum entsteht durch mehr Erwerbs­tätige oder durch höhere Produk­ti­vität. Da die erwerbs­tätige Bevöl­kerung voraus­sichtlich abnimmt, ruht die Hoffnung auf der Produk­ti­vität. Den grössten Beitrag dazu leistet der techno­lo­gische Fortschritt, und genau hier setzt die Künst­liche Intel­ligenz an. Ihre Einsatz­mög­lich­keiten sind nahezu unbegrenzt. Gelingt es ihr, die Produk­ti­vität deutlich zu steigern, wächst die Wirtschaft schneller und die Schul­denlast wird leichter tragbar.

Fünf Warnsi­gnale, die wir beobachten

  1. Steigende Zinslasten: Das US-Congres­sional Budget Office (CBO) rechnet regel­mässig vor, wie sich der Haushalt bei unver­än­derter Gesetz­gebung entwi­ckeln würde. Die aktuellen Projek­tionen zeigen klar, dass sich in den kommenden Jahren etwas ändern muss.
  2. Höhere Risiko­prämien: Der Zinsab­stand zwischen 30- und 10-jährigen Staats­an­leihen gilt als Gradmesser für die fiska­lische Risiko­prämie, die der Markt verlangt. Er hat sich ausge­weitet, ist aber noch kein akutes Risiko.
  3. Schwä­cherer Dollar: Der Dollar bleibt die unange­fochtene Reser­ve­währung. Da Währungs­tur­bu­lenzen sehr rasch auftreten können, verdient er dennoch besondere Aufmerk­samkeit. Derzeit stützen das solide Wachstum und die US-Führungs­rolle bei KI die Kapitalzuflüsse.
  4. Steuer­erhö­hungen: Die USA hätten genügend Spielraum für Steuer­erhö­hungen, um ihr Haushalts­de­fizit zu verringern. Politisch wäre dies anfangs schwierig, die Märkte könnten es aber erzwingen.
  5. Art der Verschuldung: Gefährlich wird es, wenn sich ein Staat vor allem kurzfristig oder in fremder Währung verschuldet. Die USA verschulden sich in Dollar und verfügen bei S&P über ein Rating von AA+.

Derzeit deutet keines dieser Signale auf eine unmit­telbare Krise hin.

Was das für Anlege­rinnen und Anleger bedeutet

Langfristig muss sich an der US-Fiskal- und Schul­den­po­litik etwas ändern. Da Politi­ke­rinnen und Politiker wieder­ge­wählt werden wollen, dürften sie die nötigen harten Entscheide kaum von sich aus treffen. Wahrschein­licher ist, dass am Ende die Finanz­märkte die Regierung zu mehr Disziplin zwingen. Den Zeitpunkt kann niemand verlässlich vorhersagen.

Gefährlich würde es, wenn sich der KI-Inves­ti­ti­ons­zyklus plötzlich abschwächt. Dies würde auch Konsum und Aktien­märkte belasten und die Lage verschärfen, da die USA kaum Reserven für eine Rezession haben. Die Behörden würden dann voraus­sichtlich zuerst zu Finanz­re­pression und Quanti­tative Easing (QE) greifen.

Daraus ergeben sich für uns folgende Überlegungen:

  • Keine Flucht aus Obliga­tionen: Mit Blick auf die nächsten zwei Jahre drängt sich eine Flucht aus nominalen Forde­rungen noch nicht auf.
  • Sachwerte berück­sich­tigen: Bei Finanz­re­pression verlieren nominale Werte wie Obliga­tionen, während Sachwerte wie Gold, Immobilien und Aktien gewinnen.
  • Gold als Absicherung: Als die Verschul­dungs­the­matik an Momentum gewann, stieg der Goldpreis kurzfristig um 15 %. Gold gehört aus unserer Sicht bereits heute in ein Portfolio.

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