Heinz Rüttimann
Anlegen

KI-Boom überlagert ameri­ka­nische Schuldenproblematik

Die Anlege­rinnen und Anleger blicken auf ein Spätsommer-Umfeld voller Gegen­sätze. Zum einen macht die US-Staats­ver­schuldung erneut Schlag­zeilen, doch der Stresstest bleibt aus. Zum anderen breitet sich der KI-Inves­ti­ti­ons­zyklus global aus und verlängert den Wirtschafts­zyklus. Für die Aktien­märkte bedeutet dies, dass das Zeitfenster weiterhin positiv bleibt.

Die US-Schul­denlast ist tragbar – kein Stress vor Stresstest

Grund­sätzlich kauft das US-Finanz­mi­nis­terium länger­fristige US-Staats­an­leihen zurück, um die Markt­li­qui­dität in diesem Segment zu verbessern. Dies ist an und für sich nichts bahnbre­chendes. Die jüngsten Käufe von Finanz­mi­nister Scott Bessent zielen jedoch darauf ab, die Finan­zie­rungs­kosten am langen Ende der Zinskurve für Firmen und Immobi­li­en­käufer zu senken.

Solche Aktionen mögen der Trump-Adminis­tration mit Blick auf die Zwischen­wahlen kurzfristig helfen, die wirtschaft­lichen und politi­schen Folgen höherer Zinsen abzufedern. Gleich­zeitig sind sie aber nicht nachhaltig und bekämpfen nicht die eigent­liche Ursache, nämlich das Fiskal­de­fizit, und schaden Scott Bessents Reputation. Nicht nachhaltig deshalb, weil das US-Finanz­mi­nis­terium gar nicht die nötigen Mittel hat, um nachhaltig am Markt inter­ve­nieren zu können. Unbeschränkte Mittel hätte nur der US-Noten­bankchef Kevin Warsh, der in erster Linie der Markt­un­ab­hän­gigkeit verpflichtet ist. Ein Käufer­streik der Anlei­he­inves­toren wäre das einzige wirksame Korrektiv gegen eine ausufernde Fiskalpolitik.

Dass Inves­to­rinnen und Inves­toren dennoch gelassen bleiben, liegt vermutlich daran, dass sie auf die US-Notenbank als Käuferin letzter Instanz vertrauen, so geschehen 2008 und während der Pandemie, als die Fed 46 % der Netto-Emissionen an Staats­an­leihen aufkaufte. Über kurz oder lang wird eine sich verschlech­ternde Finanzlage die US-Regierung dennoch zu Steuer­erhö­hungen und Ausga­ben­kür­zungen zwingen.

In einem solchen Szenario wird auch die US-Zentralbank ihren Beitrag mit Finanz­re­pression leisten müssen. Das erste Opfer wäre der US-Dollar, und die ersten Verlierer die Spare­rinnen und Sparer sowie Schweizer Inves­to­rinnen und Inves­toren von nicht währungs­be­si­cherten USD-Obligationen.

Für eine Stress­si­tuation bei der US-Verschuldung ist es aber noch zu früh. Erstens ist das US-Nominal­wachstum höher als der durch­schnitt­liche Schul­den­zinssatz, zweitens ist die Schul­den­quote von rund 120 % des Brutto­in­land­produkt noch verkraftbar und drittens fliesst weiterhin Kapital in die USA wegen ihrer wirtschaft­lichen Kraft und der Dominanz bei der künst­lichen Intel­ligenz. Mit den Fiskal­pro­blemen in Italien und Frank­reich bietet Europa ebenfalls keine echte Alter­native. In Frank­reich kommen noch die Unsicher­heiten bezüglich der Präsi­dent­schafts­wahlen im April 2027 hinzu. Dass sich Fiskal­de­fizite während Wahljahren tenden­ziell eher verschlechtern als verbessern, ist allgemein bekannt.

Nichts­des­to­trotz hat Scott Bessents Aktion zu Reaktionen an den Finanz­märkten geführt. Allen voran ist Gold innert kurzer Zeit um rund 10 % gestiegen und zeigt einmal mehr seinen Mehrwert in einem Portfolio.

Der KI-Inves­ti­ti­ons­zyklus befindet sich im zweiten Drittel

Der von den USA ausge­löste KI-Inves­ti­ti­ons­zyklus breitet sich zunehmend nach Europa und Asien aus. Firmen können es sich weltweit nicht leisten, abseits zu stehen, während Staaten die «strate­gische Autonomie» bei Energie, Rohstoffen, KI/Robotik und Halbleitern fördern. Die Inves­ti­tionen auf Firmen- sowie auf Staats­ebene sind damit zu einem erheb­lichen Teil konjunk­tur­un­ab­hängig und die Wahrschein­lichkeit für einen global verlän­gerten Wirtschafts­zyklus steigt. Auch deshalb, weil wir uns im KI-Inves­ti­ti­ons­zyklus schät­zungs­weise im zweiten Drittel befinden. 

Indika­toren hierfür sind, dass erstens die Inves­ti­tionen der US-Hypers­caler und anderer in der Wertschöp­fungs­kette einge­bun­denen Techfirmen ungebrochen sind. Beim Potenzial, der Entwicklung und der Einbindung von KI-Agenten in betrieb­liche Firmen­pro­zesse stehen wir erst am Anfang und die Nachfrage nach Rechen­ka­pa­zität dürfte damit hoch bleiben. Je nach Quelle betragen die aggre­gierten KI-Capex-Schät­zungen für 2026 rund USD 800 Mrd. und für 2027 rund USD 1100 Mrd.

Zweitens zeigen Statis­tiken, dass sich die meisten Firmen noch immer in der Experi­mentier- und Pilot­phase von KI befinden, und dass nur ein kleiner Teil der Firmen KI auf Unter­neh­mens­ebene einge­führt hat und sich in der Skalie­rungs­phase befindet.

Drittens haben die Gewinn- und Umsatz­zahlen zum zweiten Quartal 2026 von Nvidia und anderen Techfirmen gezeigt, dass die Auftrags­bücher voll sind, und nach wie vor Engpässe herrschen bei Chips, HBM-Speicher und anderen techni­schen Modulen. Dies stützt die Margen und Gewinn­dy­namik über die nächsten paar Quartale. Zu guter Letzt sind die Hypers­calers und grossen Techfirmen bei der Kennzahl Net Debt/EBITDA praktisch schul­denfrei, auch wenn sie vermehrt an den Kapital­markt gelangen müssen, um ihre Inves­ti­tionen in die Infra­struktur der künst­lichen Intel­ligenz tätigen zu können.

Aktien ja — aber Vorsicht vor Scheindiversifikation

Die globalen Wachs­tums­in­di­ka­toren sprechen für eine solide Weltwirt­schaft. Getragen wird sie von den USA, dem KI-Inves­ti­ti­ons­zyklus und der weiterhin positiven Gewinn­ent­wicklung der Unter­nehmen. Die Aktien­märkte folgen diesem Szenario und blenden Risiken wie steigende Anlei­he­ren­diten, die globale Verschul­dungs­de­batte oder die noch offene Frage der langfris­tigen KI-Moneta­ri­sierung weitgehend aus. 

Für ein direktes Engagement in KI und Techno­logie führt für Anleger kaum ein Weg an den Aktien­märkten der USA, Südkoreas und Taiwans vorbei. Indirekt profi­tieren jedoch auch Schweizer Unter­nehmen vom KI-Zyklus. Dazu zählen insbe­sondere Halblei­ter­aus­rüster wie VAT, Comet und Inficon, die weiterhin sehr hohe Auftrags­ein­gänge verzeichnen. 

Bei der ganzen KI-Diskussion und Jagd nach Perfor­mance können die nötigen und stabi­li­sie­renden Portfo­lio­kom­po­nenten jedoch gerne vernach­lässigt werden. Anlege­rinnen und Anleger können auf Einzel­ti­tel­ebene zwar breit diver­si­fi­ziert sein, bleiben aber auf Themen­ebene stark konzen­triert. Der Schweizer Aktien­markt eignet sich deshalb gut als stabi­li­sie­rendes Element. Dazu gehören Pharma­titel, wie Roche und Novartis, welche für das erste Halbjahr 2026 ein solides Umsatz­wachstum rappor­tierten. Des Weiteren liefern Schweizer Dividen­den­zahler aus der Versi­che­rungs­branche zusätz­liche Stabi­lität, damit in einem Portfolio eine echte Diver­si­fi­kation stattfindet.

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