Die Anlegerinnen und Anleger blicken auf ein Spätsommer-Umfeld voller Gegensätze. Zum einen macht die US-Staatsverschuldung erneut Schlagzeilen, doch der Stresstest bleibt aus. Zum anderen breitet sich der KI-Investitionszyklus global aus und verlängert den Wirtschaftszyklus. Für die Aktienmärkte bedeutet dies, dass das Zeitfenster weiterhin positiv bleibt.
Die US-Schuldenlast ist tragbar – kein Stress vor Stresstest
Grundsätzlich kauft das US-Finanzministerium längerfristige US-Staatsanleihen zurück, um die Marktliquidität in diesem Segment zu verbessern. Dies ist an und für sich nichts bahnbrechendes. Die jüngsten Käufe von Finanzminister Scott Bessent zielen jedoch darauf ab, die Finanzierungskosten am langen Ende der Zinskurve für Firmen und Immobilienkäufer zu senken.
Solche Aktionen mögen der Trump-Administration mit Blick auf die Zwischenwahlen kurzfristig helfen, die wirtschaftlichen und politischen Folgen höherer Zinsen abzufedern. Gleichzeitig sind sie aber nicht nachhaltig und bekämpfen nicht die eigentliche Ursache, nämlich das Fiskaldefizit, und schaden Scott Bessents Reputation. Nicht nachhaltig deshalb, weil das US-Finanzministerium gar nicht die nötigen Mittel hat, um nachhaltig am Markt intervenieren zu können. Unbeschränkte Mittel hätte nur der US-Notenbankchef Kevin Warsh, der in erster Linie der Marktunabhängigkeit verpflichtet ist. Ein Käuferstreik der Anleiheinvestoren wäre das einzige wirksame Korrektiv gegen eine ausufernde Fiskalpolitik.

Dass Investorinnen und Investoren dennoch gelassen bleiben, liegt vermutlich daran, dass sie auf die US-Notenbank als Käuferin letzter Instanz vertrauen, so geschehen 2008 und während der Pandemie, als die Fed 46 % der Netto-Emissionen an Staatsanleihen aufkaufte. Über kurz oder lang wird eine sich verschlechternde Finanzlage die US-Regierung dennoch zu Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen zwingen.
In einem solchen Szenario wird auch die US-Zentralbank ihren Beitrag mit Finanzrepression leisten müssen. Das erste Opfer wäre der US-Dollar, und die ersten Verlierer die Sparerinnen und Sparer sowie Schweizer Investorinnen und Investoren von nicht währungsbesicherten USD-Obligationen.
Für eine Stresssituation bei der US-Verschuldung ist es aber noch zu früh. Erstens ist das US-Nominalwachstum höher als der durchschnittliche Schuldenzinssatz, zweitens ist die Schuldenquote von rund 120 % des Bruttoinlandprodukt noch verkraftbar und drittens fliesst weiterhin Kapital in die USA wegen ihrer wirtschaftlichen Kraft und der Dominanz bei der künstlichen Intelligenz. Mit den Fiskalproblemen in Italien und Frankreich bietet Europa ebenfalls keine echte Alternative. In Frankreich kommen noch die Unsicherheiten bezüglich der Präsidentschaftswahlen im April 2027 hinzu. Dass sich Fiskaldefizite während Wahljahren tendenziell eher verschlechtern als verbessern, ist allgemein bekannt.
Nichtsdestotrotz hat Scott Bessents Aktion zu Reaktionen an den Finanzmärkten geführt. Allen voran ist Gold innert kurzer Zeit um rund 10 % gestiegen und zeigt einmal mehr seinen Mehrwert in einem Portfolio.
Der KI-Investitionszyklus befindet sich im zweiten Drittel
Der von den USA ausgelöste KI-Investitionszyklus breitet sich zunehmend nach Europa und Asien aus. Firmen können es sich weltweit nicht leisten, abseits zu stehen, während Staaten die «strategische Autonomie» bei Energie, Rohstoffen, KI/Robotik und Halbleitern fördern. Die Investitionen auf Firmen- sowie auf Staatsebene sind damit zu einem erheblichen Teil konjunkturunabhängig und die Wahrscheinlichkeit für einen global verlängerten Wirtschaftszyklus steigt. Auch deshalb, weil wir uns im KI-Investitionszyklus schätzungsweise im zweiten Drittel befinden.
Indikatoren hierfür sind, dass erstens die Investitionen der US-Hyperscaler und anderer in der Wertschöpfungskette eingebundenen Techfirmen ungebrochen sind. Beim Potenzial, der Entwicklung und der Einbindung von KI-Agenten in betriebliche Firmenprozesse stehen wir erst am Anfang und die Nachfrage nach Rechenkapazität dürfte damit hoch bleiben. Je nach Quelle betragen die aggregierten KI-Capex-Schätzungen für 2026 rund USD 800 Mrd. und für 2027 rund USD 1100 Mrd.
Zweitens zeigen Statistiken, dass sich die meisten Firmen noch immer in der Experimentier- und Pilotphase von KI befinden, und dass nur ein kleiner Teil der Firmen KI auf Unternehmensebene eingeführt hat und sich in der Skalierungsphase befindet.
Drittens haben die Gewinn- und Umsatzzahlen zum zweiten Quartal 2026 von Nvidia und anderen Techfirmen gezeigt, dass die Auftragsbücher voll sind, und nach wie vor Engpässe herrschen bei Chips, HBM-Speicher und anderen technischen Modulen. Dies stützt die Margen und Gewinndynamik über die nächsten paar Quartale. Zu guter Letzt sind die Hyperscalers und grossen Techfirmen bei der Kennzahl Net Debt/EBITDA praktisch schuldenfrei, auch wenn sie vermehrt an den Kapitalmarkt gelangen müssen, um ihre Investitionen in die Infrastruktur der künstlichen Intelligenz tätigen zu können.
Aktien ja — aber Vorsicht vor Scheindiversifikation
Die globalen Wachstumsindikatoren sprechen für eine solide Weltwirtschaft. Getragen wird sie von den USA, dem KI-Investitionszyklus und der weiterhin positiven Gewinnentwicklung der Unternehmen. Die Aktienmärkte folgen diesem Szenario und blenden Risiken wie steigende Anleiherenditen, die globale Verschuldungsdebatte oder die noch offene Frage der langfristigen KI-Monetarisierung weitgehend aus.
Für ein direktes Engagement in KI und Technologie führt für Anleger kaum ein Weg an den Aktienmärkten der USA, Südkoreas und Taiwans vorbei. Indirekt profitieren jedoch auch Schweizer Unternehmen vom KI-Zyklus. Dazu zählen insbesondere Halbleiterausrüster wie VAT, Comet und Inficon, die weiterhin sehr hohe Auftragseingänge verzeichnen.
Bei der ganzen KI-Diskussion und Jagd nach Performance können die nötigen und stabilisierenden Portfoliokomponenten jedoch gerne vernachlässigt werden. Anlegerinnen und Anleger können auf Einzeltitelebene zwar breit diversifiziert sein, bleiben aber auf Themenebene stark konzentriert. Der Schweizer Aktienmarkt eignet sich deshalb gut als stabilisierendes Element. Dazu gehören Pharmatitel, wie Roche und Novartis, welche für das erste Halbjahr 2026 ein solides Umsatzwachstum rapportierten. Des Weiteren liefern Schweizer Dividendenzahler aus der Versicherungsbranche zusätzliche Stabilität, damit in einem Portfolio eine echte Diversifikation stattfindet.
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