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Aktien­märkte: Resilienz mit Rissen

Die globale Wirtschaft startete mit Rückenwind ins Jahr 2026. Vier Faktoren stimmten Inves­to­rinnen und Inves­toren optimis­tisch: US-Haushalte mit Spielraum für einen neuen Kredit­zyklus, ein ungebremster KI-Inves­ti­ti­onsboom, Chinas schritt­weise Hinwendung zum Binnen­konsum und die anste­henden US-Zwischen­wahlen. Dann kam der Irankrieg.

Ein histo­ri­scher Vergleich – und eine Ausnahme

Wer die vier grossen Öl-Angebots­schocks der vergan­genen Jahrzehnte betrachtet – die iranische Revolution 1979, den Yom-Kippur-Krieg, den Golfkrieg und den Ukraine-Krieg 2022 – stellt ein wieder­keh­rendes Muster fest: Der S&P 500 verlor in den ersten zwölf bis sechzehn Wochen nach Ausbruch jeweils zwischen zehn und siebzehn Prozent. Danach folgte in zwei Fällen eine Erholung, einmal eine Seitwärts­be­wegung, und im Fall des Yom-Kippur-Krieges eine ausge­wachsene Aktienmarktkrise.

Der aktuelle Konflikt bricht dieses Muster. Nach lediglich sechs Wochen hatte der S&P 500 seine Anfangs­ver­luste bereits wieder vollständig aufgeholt. Ein Verlauf, der sich von allen histo­ri­schen Vergleichs­fällen deutlich abhebt. Dies auch global: Entwi­ckelte Märkte, Schwel­len­länder, ölimpor­tie­rende Länder wie Indien oder Thailand sowie ölexpor­tie­rende wie Brasilien oder Malaysia zeigten allesamt eine ähnliche Entwicklung. Gewinner und Verlierer waren kaum auszumachen.

Resilienz – aber aus welchem Grund?

Wie lässt sich das erklären? Zum einen prägt das sogenannte TACO-Prinzip (Trump always chickens out) die Erwar­tungen: Märkte gehen davon aus, dass die US-Adminis­tration bei grösserem Gegenwind einlenkt und mit positiven Signalen stützt. Zum anderen preisen Aktien­märkte als langfristige Vermö­gens­werte kurzfristige Schocks weniger stark ein solange die mittel­fris­tigen Perspek­tiven intakt scheinen. Mit dem Waffen­still­stand und laufenden Verhand­lungen haben die Märkte die schlimmsten Szenarien weitgehend ausgepreist.

Hinzu kommt ein prakti­scher Effekt: Wer trotz Korrektur seit Jahres­beginn Geld verdient hat, konsu­miert weiter. Ein stabiler Aktien­markt stützt die Wirtschaft, und umgekehrt. Bei praktisch Vollbe­schäf­tigung in den USA wirkt dieser Kreislauf derzeit als zusätz­licher Puffer.

Das verän­derte Makroumfeld

Doch das makro­öko­no­mische Fundament hat sich merklich verschlechtert. Der Brent-Ölpreis für Dezember 2026 liegt heute rund 32 Prozent höher als noch Mitte Januar. Für Juni 2027 beträgt das Plus 25 Prozent, für Dezember 2027 noch 21 Prozent. Die Zinssen­kungs­er­war­tungen haben sich ebenfalls verschoben: Wo man Ende 2025 noch zwei Zinsschritte der US-Notenbank bis Ende 2026 einpreiste, rechnet der Markt heute mit allen­falls einem einzigen Schritt. Der US-Leitzins dürfte bei rund 3.55 Prozent verharren statt auf 3.25 Prozent zu sinken. Die erwartete US-Kernin­flation für Ende 2026 liegt bei 2.9 Prozent, die Headline-Inflation bei 3.1 Prozent. Das bedeutet: tieferes Realein­kommen für Konsu­men­tinnen und Konsu­menten – zumindest kurzfristig.

Ein weiterer Hinweis auf schwie­rigere Monate: Betrachtet man den US-ISM Gewerbe-PMI – ein wichtiger Frühin­di­kator für die Indus­trie­kon­junktur – über die vergan­genen vier Öl-Angebots­schocks hinweg, so hat er sich in den Folge­mo­naten jeweils verschlechtert. Sollte sich dieses Muster wieder­holen, dürften die Aktien­märkte in den kommenden Quartalen erneut unter Druck geraten. Auch der Schiffs­verkehr durch die Strasse von Hormus hat sich trotz Waffen­still­stand noch keineswegs erholt. Eine vollständige Norma­li­sierung wird nach Einschätzung vieler Analysten noch Wochen, wenn nicht Monate in Anspruch nehmen.

Hohe Gewinn­erwar­tungen – kaum revidiert

Die Gewinn­erwar­tungen für den S&P 500 sind seit Jahres­beginn kaum gesunken. Der Konsensus rechnet für 2026 mit einem Gewinn­wachstum von 21 Prozent, obwohl höhere Energie­kosten, verschobene Zinssen­kungen und schwä­cheres Realein­kommen die Unter­neh­mens­margen belasten dürften. Der gleich­ge­wichtete S&P 500 und der Nasdaq werden mit Wachs­tums­raten von 15 respektive 36 Prozent eingeschätzt.

Rund 40 Prozent des erwar­teten Gewinn­wachstums hängen laut JP Morgan direkt oder indirekt am KI-Inves­ti­ti­ons­zyklus. Dieser läuft weiter – doch das Thema der Moneta­ri­sierung gewinnt an Gewicht. Anfang Februar 2026 publi­zierten Alphabet und Meta Rekord-Inves­ti­ti­ons­pläne; der Aktien­markt quittierte das mit Kursab­schlägen. Die ungebro­chene Innova­ti­ons­kraft im Bereich KI-Agenten, Robotik und Quanten­com­puting bleibt ein starkes Argument, doch hohe Inves­ti­tionen drücken den Free Cashflow und reduzieren den Spielraum für Aktien­rück­käufe, die bisher ein wichtiger Kurstreiber waren.

Was bedeutet das für Anlege­rinnen und Anleger?

Solange die Verhand­lungen zwischen den USA und dem Iran auf Kurs bleiben, dürfte die Wider­stands­kraft der Märkte anhalten. Eine allzu defensive Positio­nierung erscheint aktuell genauso wenig ratsam wie blinder Optimismus. Die laufende US-Gewinn­be­richts­saison – bisher haben erst 31 Unter­nehmen rappor­tiert – wird dabei wegweisend sein. Im Fokus steht weniger das Ergebnis für Q1 als der Ausblick der Unter­nehmen für die nächsten zwei Quartale.

Für langfristig orien­tierte Anlege­rinnen und Anleger gilt: In unsicheren Phasen empfiehlt es sich, nah an der strate­gi­schen Vermö­gens­al­lo­kation zu bleiben. Das schafft Ruhe und die Freiheit, Markt­ent­wick­lungen nüchtern zu beurteilen, ohne unter Zugzwang zu geraten.

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