Christian Bidermann, Partner und Kundenberater von Rahn+Bodmer Co., über Orientierung in unsicheren Zeiten, die Sorgen der Kundschaft und die Rolle einer Bank mit langer Geschichte in turbulenten Märkten.
Die Märkte haben in den vergangenen Monaten stark reagiert: Zölle, geopolitische Spannungen, Inflationssorgen. Wie nehmen Sie diese Phase wahr, und was unterscheidet sie von früheren Krisenperioden?
Winston Churchill soll sinngemäss gesagt haben: «Never waste a good crisis.» Das trifft es gut. Jede Krise ist auch eine Chance. Entscheidend ist aber zunächst die Frage nach dem Ursprung: Handelt es sich um eine endogene oder eine exogene Krise?
Endogene Krisen entstehen von innen heraus, getrieben durch menschliche Emotionen wie Gier oder Euphorie. Sie führen zu Fehlallokationen, zu falschen Titeln zur falschen Zeit. Irgendwann korrigiert sich das. Die Dotcom-Blase war so eine endogene Krise.
Die aktuelle Situation ist anders. Wir haben es mit einer exogenen Krise zu tun, ausgelöst durch geopolitische Entscheidungen, die weder Anlegerinnen oder Anleger noch Unternehmen verschuldet haben. Solche Krisen sind schwerer greifbar, weil ihr Verlauf von politischen Akteuren abhängt und kaum vorherzusagen ist. Covid war exogen. Die Spannungen rund um die Strasse von Hormuz ebenfalls. Diese Krisen verlangen von unseren Analystinnen und Analysten ein hohes Mass an Kompetenz und Einordnungsvermögen.
Wie verändert ein solches Umfeld das Gespräch mit Kundinnen und Kunden? Welche Fragen und Sorgen begegnen Ihnen besonders häufig?
Ehrlich gesagt: Es ist ruhiger, als man erwarten würde. Gerade nach den Ereignissen vom März war die Stimmung bei unserer Kundschaft bemerkenswert gelassen. Ich glaube, die Menschen haben gelernt, Krisen einzuordnen.
Was ich beobachte: Jüngere Anlegerinnen und Anleger reagieren tendenziell nervöser als ältere. Das ist verständlich. Wer mehrere Zyklen erlebt hat, weiss, dass es nach jeder Krise auch eine Phase danach gibt. Diese Erfahrung ist durch nichts zu ersetzen.
Wir versuchen deshalb, das richtige Fundament zu legen. Ein sorgfältig erstelltes Risikoprofil, ein Stresstest zu Beginn, die klare Botschaft: Märkte kennen gute und schlechte Phasen. Wer das verinnerlicht hat, muss in turbulenten Zeiten nicht reagieren.
Bei den Medien habe ich eine klare Haltung: Schlagzeilen über drohende Crashs sind für mich eher ein gutes Zeichen. Wenn ein Crash gross angekündigt wird, bleibt er meistens aus. Gefährlich wird es hingegen, wenn Euphorie und «Chance des Jahrhunderts»-Rhetorik die Runde machen. Das lockt Anlegerinnen und Anleger ohne die nötige Risikofähigkeit in den Markt und nährt Blasen.
Rahn+Bodmer Co. steht für langfristiges Denken. Ist das in Phasen grosser Unsicherheit ein Vorteil oder auch eine Herausforderung?
Ein klarer Vorteil. Kurzfristiges Denken hat an den Märkten schlicht keinen Platz, es sei denn, man bewegt sich ausschliesslich in Geldmarktinstrumenten. Unsere Anlagephilosophie ist auf den langen Horizont ausgerichtet, und das ist kein Zufall. Diese Haltung hat sich über Jahrzehnte bewährt, in Aufschwüngen wie in Krisen.
Ich habe auch Kundinnen und Kunden im fortgeschrittenen Alter, die nach wie vor einen hohen Aktienanteil im Portfolio halten und dabei vollkommen entspannt sind. Das ist das Ergebnis einer konsequent gelebten Langfriststrategie, denn deren Horizont verlängert sich auch schon auf die Erbinnen und Erben.
Was raten Sie Anlegerinnen und Anlegern aktuell?
Ruhig atmen. Wer sein Risikoprofil sorgfältig erarbeitet und die Strategie entsprechend gewählt hat,muss in einer solchen Phase nichts tun. Eine Krise lässt sich nicht vorhersagen. Wer versucht, den richtigen Ausstiegs- und Wiedereinstiegspunkt zu finden, verpasst ihn höchstwahrscheinlich auf beiden Seiten
Was ich unserer Kundschaft empfehle: Nehmen Sie Abstand. Nicht täglich die Performance überprüfen, sondern den langfristigen Horizont im Auge behalten. In Krisen ist nicht nur die Qualität der Anlagen gefragt, sondern auch die der Beraterin oder des Beraters und des Bankinstituts.
Welche Rolle spielt in diesen Tagen das Vertrauen in Ihrer Arbeit als Kundenberater?
Eine zentrale. Kundinnen und Kunden schätzen es, wenn jemand sie ruhig und sachlich durch unsichere Phasen begleitet. Wir haben keine Kristallkugel, aber wir wissen aus Erfahrung: Jede Krise hat ein Ende. Nach jedem Gewitter kommt die Sonne wieder.
Wir alle wissen: Investieren ist mit Risiko verbunden. Nicht investiert zu sein ist aber auch ein Risiko, denn wer nach einem Einbruch der Märkte alles auf dem Konto hält, verpasst ziemlich sicher den Rebound. Diese Abwägung klar zu kommunizieren, das ist Vertrauensarbeit.
Zum Schluss: Was gibt Ihnen persönlich Zuversicht in dieser Zeit?
Die jungen Menschen mit ihren Ideen. Wenn ich diese höre, ob geschäftlich oder auch privat, bin ich jedes Mal aufs Neue beeindruckt. Wenn das die Zukunft ist, dann sieht sie gut aus. Das erinnert mich daran, warum es sich lohnt, in diese Zukunft zu investieren.
Bei Fragen zu diesem Thema stehen Ihnen unsere Kundenberaterinnen und Kundenberater gerne zur Verfügung.
Bei Anregungen zum Notablog wenden Sie sich bitte an notablog@rahnbodmer.ch.
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