Die Rezession in Deutschland in 2023/24 hat vor allem die mittelständisch geprägte Unternehmenslandschaft getroffen. Inzwischen hat sich das Umfeld jedoch spürbar verbessert. Treibende Faktoren sind die Leitzinssenkungen der EZB von 4 % im Mai 2024 auf derzeit 2 %, die Fiskalwende und die sich nun in der Umsetzung befindlichen Infrastrukturprogramme und die Rüstungsausgaben. Die Kombination von tieferen Finanzierungskosten, steigender Bautätigkeit (Baugewerbe PMI 50.3), öffentlichen Investitionen und hohen Verteidigungsausgaben könnten Unternehmen mit einem vergleichsweise hohen Umsatzanteil in Deutschland Auftrieb verleihen.
Was umfasst die Fiskalwende?
Die Bundesregierung hat im letzten Jahr eine fiskalische Kehrtwende angekündigt und setzt verstärkt auf Investitionen, um das vergleichsweise schwache Wirtschaftswachstum der letzten Jahre zu beschleunigen. Im Herbst 2025 haben die Gesetzgeber das «Sondervermögen» von EUR 500 Mrd. bewilligt. Innerhalb von 12 Jahren können die gesamten Mittel bewilligt werden. Das Paket zielt darauf ab, die Infrastruktur in Deutschland zu verbessern und die angestrebte Klimaneutralität zu erreichen. Die Bundesregierung hat ausserdem am 19. Juli ein Sofortprogramm zur Stärkung des Wirtschaftsstandorts Deutschland beschlossen. Dieses Programm umfasst 4 Hauptpunkte:
- Investitionen: Unternehmen können Investitionen nun stärker abschreiben (degressiv, bis zu 30 % im Anschaffungsjahr), was eine tiefere Steuerbelastung zur Folge hat. Dies gilt für Investitionen im Zeitraum vom 01.01.2025 bis 01.01.2028
- Unternehmenssteuerbelastung: Die Körperschaftssteuer soll ab 2028 pro Jahr um 1 Prozentpunkt gesenkt werden. Aktuell notiert der Satz bei 15 % und soll bis 2032 auf 10 % sinken.
- Investitionen in E‑Fahrzeuge für Firmen: Der Kauf von E‑Fahrzeugen für Unternehmen kann im Anschaffungsjahr um 75 % abgeschrieben werden. Nach 6 Jahren auf Null. Gilt im Zeitraum vom 30.06.2025 bis 01.01.2028.
- Investitionen in Forschung: Die Bemessungsgrundlage für die Forschungszulage wird von EUR 10 auf 12 Mio. angehoben, was höhere Steuervorteile mit sich bringt.
Die Bundesregierung will ausserdem ab 2026 die Strom- und Energiekosten senken. Für stromintensive Unternehmen (z.B. Chemie, Industrie) soll die Strompreiskompensation beibehalten und auf weitere Branchen ausgeweitet werden. Für besonders energieintensive Unternehmen ist ein Industriestrompreis geplant (5 Cent/kWh).
Was bringt die Fiskalwende den Unternehmen?
Den direktesten Effekt dürften die tieferen Steuerbelastungen auf Investitionen sowie mögliche Aufträge aus den erhöhten Infrastrukturausgaben haben. Energieintensive Branchen könnten zudem von den tieferen Strompreisen profitieren. Indirekt könnten die angekündigten Massnahmen die Stimmung in der deutschen Wirtschaft verbessern, was einigen Unternehmen mehr Aufträge bescheren könnte.
Welche Sektoren profitieren von der Fiskalwende und den besseren Aussichten?
Industrie
Die Investitionszurückhaltung ist bei vielen Unternehmen spürbar, was sich in der Auftragslage und den Umsätzen europäischer und Schweizer Industriefirmen niederschlägt. Die Hauptgründe für die Zurückhaltung sind die schlechte Stimmung in Deutschland sowie die erhöhte Unsicherheit wegen der US-Zollpolitik. Mit der angekündigten Fiskalwende und den besseren Aussichten für Deutschland könnte der erste Belastungsfaktor verschwinden. Industriefirmen mit einem überdurchschnittlichen Umsatzanteil in Deutschland sollten deshalb profitieren. Beispiele sind u.a. SFS und Siemens. SFS erzielt über 30 % des Umsatzes in Deutschland und mit vielen Kunden aus der generellen Industrie. Siemens bedient ebenfalls viele Kunden aus dem produzierenden Gewerbe plus ist im Bereich Strom- und Transportinfrastruktur (Bahn) stark positioniert. Der Fokus liegt auf Unternehmen, die im Bereich Infrastruktur und Investitionsgüter viel Umsatz erzielen.
Grundstoffe: Baustoffe und Chemie
Da die Ausgaben gezielt Verkehr, öffentliche Gebäude und energetische Sanierung – allesamt materialintensive Bereiche – adressieren, profitieren davon Holcim und Sika dank einer steigenden Nachfrage nach Zement, Beton, Zuschlagstoffen sowie bauchemischen Lösungen. Gleichzeitig hellen sich Perspektiven für die Bauwirtschaft auf. Beide Unternehmen sind in Deutschland stark positioniert und können Volumenwachstum mit Preissetzungsmacht kombinieren. Darüber hinaus unterstützt der Fokus auf Klimaneutralität den Absatz höherwertiger, nachhaltiger Produkte. Holcim profitiert von CO₂-reduzierten Baustoffen und Recyclinglösungen, während Sika von energieeffizienten Abdichtungs‑, Sanierungs- und Klebesystemen profitiert. Generell dürften Chemiefirmen aus Europa und im Speziellen Deutschland wie bspw. BASF, Profiteure sein.
Versorger
Ein Teil der Investitionen dürfte in den Ausbau und die Modernisierung der Strom- und Verteilnetze fliessen, insbesondere im Kontext der Energiewende, Elektrifizierung und des steigenden Strombedarfs durch Rechenzentren und E‑Mobilität. Zusätzlich begünstigt das Sofortprogramm zur Stärkung des Wirtschaftsstandorts Investitionen in Energieeffizienz, Wärmenetze und erneuerbare Integration. Für E.ON bedeutet dies steigende Investitionsvolumina bei gleichzeitig hoher Visibilität der Cashflows, was das defensive Profil und die Attraktivität für einkommensorientierte Anleger weiter stärkt. Das Sondervermögen dürfte Investitionen in öffentliche Infrastruktur und energetische Sanierungen beschleunigen – Bereiche, in denen BKW über Ingenieur- und Serviceleistungen in Deutschland direkt exponiert ist. Im Gegensatz zu klassischen Netzbetreibern ist die Wirkung für BKW weniger regulatorisch, sondern projekt- und volumengetrieben. Steigende öffentliche und halböffentliche Investitionsbudgets erhöhen die Auftragsvisibilität und Auslastung.
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