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Krieg in der Ukraine

Von: Heinz Rüttimann, Anlage- und Marktstratege

Der Krieg in der Ukraine geht in die dritte Woche. Obwohl dessen Ausgang nach wie vor nur reine Speku­lation sein kann, beginnen sich mögliche Szenarien abzuzeichnen und die wirtschaft­lichen Kosten werden sichtbar.

Speku­lative Kriegsszenarien

Eine Rückkehr zum Status quo der Vorkriegszeit ist für Putin und den Westen inzwi­schen wohl keine Option mehr. Dafür ist das mensch­liche Elend in der Ukraine, der wirtschaft­liche Zerfall Russlands und die Anzahl der bereits gefal­lenen Soldaten zu gross. Putin wird deshalb zu fast «jedem Preis» versuchen, einen Sieg in der Ukraine zu erringen. Eine Beset­zungs­macht für ein so grosses Land zu sein, ist aber schwierig. Sollte der Wider­stand der Ukraine nicht einbrechen, wird Präsident Putin früher oder später die Reali­täten erkennen und einen Kompromiss suchen müssen. Ob das Schlimmste hinter uns oder noch vor uns liegt, weiss niemand. Die laufenden direkten Gespräche zwischen der Ukraine und Russland, das Treffen zwischen China und den USA sowie die Bestre­bungen der Türkei lassen Raum für Hoffnung.

Direkte Effekte auf das globale Wirtschaftswachstum

Ein BIP Einbruch von 10 %-20 % in Russland und 30 %-60 % in der Ukraine im 2022 würde das globale Wirtschafts­wachstum um schät­zungs­weise ‑0.3 % bis ‑0.6 % reduzieren. In Bezug auf die Ausfuhren expor­tierten die G7 im 2021 rund 0.2 % ihres BIP nach Russland und die Ukraine. Für Länder wie Polen und Ungarn betrugen die Exporte 2 % bis 3 % des BIP. Insgesamt zeigen diese Zahlen, dass die direkten Effekte verkraftbar sind.

Auswir­kungen auf die Rohstoffpreise

Russland ist der zweit­grösste Ölpro­duzent mit ca. 12 % des jährlich globalen Konsums. Auf Platz 1 sind die USA, Saudi Arabien belegt den dritten Platz. Ausserdem ist Russland der weltweit grösste Gasex­porteur und deckt rund 16 % des jährlichen weltweiten Verbrauchs. Dazu kommt eine wichtige Stellung als Nickel-Produzent: Russland fördert rund 4 % der jährlich benötigen Menge. Elon Musk meinte kürzlich, dass die Beschaffung von Nickel zur Zeit das grösste Problem für die Produktion von «long-range» Autobat­terien sei. Zusammen mit der Ukraine expor­tiert Russland zudem rund 25 % des Weizens für den globalen Bedarf. Diese Tatsachen führten bis dato in Jahres­ver­gleich zu den folgenden Preissteigerungen:

  • New York gehan­delter Gaspreis +54 %
  • Europäi­scher Gaspreis +600 %
  • Öl +77 %
  • Aluminium +61 %
  • Nickel +200 %
  • Mais +34 %
  • Weizen +73 %
  • Soja +20 %

Auswir­kungen auf die Finanzkonditionen

Obwohl die globalen Finan­zie­rungs­kon­di­tionen anziehen, sind sie absolut gesehen nach wie vor noch auf sehr moderatem Niveau. Dies unter­stützt die Aktien­märkte. Die langfris­tigen Infla­ti­ons­er­war­tungen in den USA sind leicht erhöht, aber noch nicht besorg­nis­er­regend. In Europa sind sie ebenfalls noch gut verankert und im Bereich der EZB Zielgrösse von 2%.

Situation an den Börsen

Die Aktien­märkte haben sich seit letzter Woche von einen Minus von ca.  ‑20 % auf rund ‑12 % erholt. Gründe dafür sind die laufenden Gespräche, die nach wie vor günstigen Finan­zie­rungs­kosten, die zusammen mit den Verlusten an den Bondmärkten kaum Alter­na­tiven zu Aktien zulassen. Die Aktien­markt­kor­rektur beinhaltet inzwi­schen nicht nur den Krieg in der Ukraine, sondern beginnt auch das schwä­chere globale Wachstum einzu­preisen. Die Energie­ver­knappung wird das Infla­ti­ons­problem in Europa verschärfen und auch das Wachstum beein­träch­tigen. Je nach Anstieg der Energie­kosten wird das weltweite Wachstum negativ beein­trächtigt. JPMorgan geht davon aus, dass ein Öl-Preis­an­stieg auf 150 Dollar pro Barrel das weltweite BIP um 1.6 % senken könnte und die Verbrau­cher­preise um weitere 2 % erhöhen könnte. Als Öl- und Gaspro­duzent ist Amerika von der Wachs­tums­bremse weitgehend isoliert, wird aber die infla­tio­nären Auswir­kungen des teuren Öls zu spüren bekommen.  Eine gute Aktien­per­for­mance bedingt die Beendigung des Krieges und ein Rückgang der Rohstoffpreise.

 

Wachs­tums­delle oder Stagflation/Rezession?

Grund­sätzlich haben die höheren Rohstoff­preise einen direkten negativen Effekt auf das real verfügbare Einkommen, die Stimmung und die Kaufkraft der Konsu­menten. Auf Analys­ten­seite blieben aber bisher Korrek­turen bei den Gewinn- und Umsatz­er­war­tungen der Unter­nehmen aus. Dies ist eher erstaunlich. Es sieht so aus, als dass Inves­toren mehrheitlich erwarten, dass die Rohstoff­preise über die nächsten 12 Monate markant zurück­kommen werden. Damit hätten wir es mit einer «Wachs­tums­delle» zu tun und nicht mit einer «Stagflation/Rezession». Für das globale Wirtschafts­wachstum ist entscheidend, wie lange der Krieg und die Sanktionen anhalten werden.

Disclaimer:

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