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Regime­wechsel an den Bond- und Aktienmärkten?

Bisher hat der US-Aktien­markt leicht steigende Zinsen gut verdauen können. Vieles spricht für weiter steigende Obliga­tio­nen­ren­diten, was die hoch bewertete US-Börse unter Druck setzen dürfte.

Steigende Zinsen – nicht immer Gift für die Börsen

Die steigenden US-Bondren­diten haben die Zinsde­batte wieder angeheizt. Der Zusam­menhang zwischen dem allge­meinen Zinsniveau und der Perfor­mance ist bei Obliga­tionen einfach erklärbar: Steigt das allge­meine Rendi­te­niveau, müssen die zukünf­tigen Coupons mit einem höheren Zinssatz abgezinst werden, was (in Abhän­gigkeit von der Laufzeit und der Höhe des Coupons) zu sinkenden Markt­preisen führt. Bei Aktien sind die Zahlungen in Form von Dividenden hingegen von der erwar­teten Gewinn­ent­wicklung abhängig. Der seit 2009 vorherr­schende Seitwärts­trend der US-Anlei­he­ren­diten wurde viermal durch eine kurze Phase steigender Renditen unter­brochen (siehe Grafik 1). Diese Perioden haben die Aktien­märkte meist einiger­massen gut überstanden. Die Erklärung für dieses Phänomen ist, dass höhere Zinsen in der Regel ein besseres konjunk­tu­relles Umfeld und steigende Teuerungs­raten vorweg­nehmen, die zu höheren Gewinn- und Dividen­den­er­war­tungen führen. Die Redewendung «steigende Zinsen sind Gift für die Börse» gilt erst, wenn das Zinsniveau einen gewissen Schwel­lenwert überschreitet. Die Frage, ob und ab welchem Zinsniveau ein solcher Regime­wechsel statt­findet, kann nicht schlüssig beant­wortet werden. Der entschei­dende Punkt ist aber, dass ab einem gewissen Zinsniveau die Erwar­tungen für die Unter­neh­mens­ge­winne in Mitlei­den­schaft gezogen werden. Der plötz­liche Einbruch der Aktien­märkte zu Beginn des laufenden Jahres war mindestens teilweise den stark steigenden Bondren­diten zuzuschreiben. Seither bereiten den Aktien­märkten steigende Zinsen vermehrt Verdauungsbeschwerden.

Viele Faktoren sprechen für höhere Renditen

Die Renditen 10-jähriger Staats­an­leihen sind in den letzten Tagen erstmals seit 2011 deutlich über die 3 %-Marke gestiegen. Vieles spricht dafür, dass die Renditen weiter nach oben tendieren: Erstens sind die gegen­wär­tigen Realren­diten mit Blick auf die derzeit sehr starke US-Konjunktur und den steigenden Infla­ti­ons­druck viel zu tief. Je nachdem, ob man die Infla­ti­ons­er­war­tungen oder die laufende Teuerungsrate nimmt, liegt die Realrendite nahe an der Nullgrenze oder bei 1 %. Zweitens wird das US-Budget­de­fizit im Jahre 2019 aufgrund der tieferen Steuer­ein­nahmen massiv steigen, sodass das Treasury mehr Staats­ob­li­ga­tionen emittieren muss. Drittens baut die US-Notenbank die im Rahmen der QE-Programme erwor­benen Treasury-Bestände ab, was das Angebot erhöht. Viertens dürften sich in einigen Schwel­len­ländern die Noten­banken gezwungen sehen, Devisen­re­serven, die in der Regel in Form von US-Staats­pa­pieren gehalten werden, abzustossen, um die eigene Währung zu stützen.

Geldpo­litik als Spielverderber?

Den grössten Einfluss auf die Zinsland­schaft hat aber die US-Notenbank. Der Fed-Chef Jerome Powell liess nach dem Zinsschritt im September durch­blicken, dass das aktuelle Zinsniveau die Konjunktur immer noch stütze und es wahrscheinlich weit unter dem neutralen Niveau liege würde. Letzteres markiert jenen Punkt, an dem die Leitzinsen das Wirtschafts­wachstum weder stützen noch bremsen und der vom Fed etwa bei 3 % angesiedelt wird. Weil fast alle US-Konjunk­tur­daten nach oben weisen und der Teuerungs­druck zunehmen wird, dürfte die US-Notenbank am einge­schla­genen Zinser­hö­hungs­rhythmus festhalten. Wie stark die Leitzinsen erhöht werden, kann derzeit kaum abgeschätzt werden. Tatsache ist aber, dass es dem Fed fast nie gelungen ist, eine weiche Landung herbei­zu­führen, d.h. jeder Zinser­hö­hungs­zyklus der letzten 70 Jahre endete (früher oder später) in einer Rezession (siehe Grafik 2). In der tradi­tio­nellen Sicht­weise enden Bullen­märkte sechs bis zwölf Monate vor dem Beginn einer Rezession, wobei sich die Rendi­te­dif­ferenz zwischen den 10-jährigen Staats­an­leihen und den Leitzinsen (Fed Fund Target Rate) typischer­weise verringert oder in den negativen Bereich abrutscht. Perspek­ti­visch kann diese Abfolge wieder eintreten, doch die Märkte halten sich nicht immer an das Drehbuch. Immerhin kann festge­halten werden, dass die vorlau­fenden Indika­toren keine Hinweise auf eine Wachs­tums­ver­lang­samung und schon gar nicht auf eine Rezession liefern. Obschon die US-Anlei­he­ren­diten die Schmerz­grenze, die zu einer längeren Baisse an den Aktien­märkten führen könnte, vermutlich noch nicht überschritten haben, werden steigenden US-Zinsen die Börsen aber zumindest bremsen.

 

 

 


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